Ahoi! Die Ostsee ist längst noch nicht ausufernd erkundet. Es gibt noch vieles zu entdecken. Das trifft freilich auch auf solche Städte, Häfen, Marinen zu, die ich schon bei meinen ersten Törns angelaufen habe. Das erlebe ich in diesem Sommer auf dem Stettiner Haff, Peenestrom, Greifswalder Bodden und – falls ich wieder soweit komme – auf der Ostsee.
HAFENTAGE: Stralsund
Sintflut abwettern auf dem Dänholm
Sonntag bin ich von Seedorf auf Rügen nach Dänholm im Strelasund gesegelt. Das Wetter war wunderbar. Die Sonne schien, dazu blies eine frische Brise aus Osten und schob die Aliento bei achterlichem Wind oder raumschots mit vier bis sechs Knoten durch das Wasser. Am Rauschen kann ich mich gar nicht satt hören.
Die kleine Insel Dänholm liegt genau zwischen Stralsund und Rügen. Wenn man wie ich vom Greifswalder Bodden kommt und den kleinen Hafen zwischen dem Großen und dem Kleinen Dänholm ansteuern möchte, biegt man vor der Ziegelgrabenbrücke quasi nach Steuerbord ab. So muss ich nicht erst darauf warten, dass die Ziegelgrabenbrücke geöffnet wird. Wer auf Dänholm allerdings zum Wassersportzentrum am nordwestlichen Zipfel der Insel möchte, der bleibt im Fahrwasser und wartet, bis sich die Ziehbrücke öffnet und Durchlass gewährt. Ein schönes Spektakel ist das allemal.
Ich entscheide mich für die erste Wahl, also das kleine Hafenbecken zwischen Großem und Kleinen Dänholm. Mir hat es besonders „Kalles“ Steg angetan. Dieser heißt freilich nicht offiziell so. Die Namensgebung ist vielmehr ein Insider zwischen mir und einem anderen Segler aus Berlin. Der inoffizielle Namensgeber Kalle lebt an dem Stegabschnitt auf seinem Segelschiff und weiß immer Bescheid, welcher Platz wie lange frei ist. Sein gutmütiger, brauner Hund hat vor allem eines im Sinn: gestreichelt werden.
Der Holzsteg ist originell. Richtige Boxen gibt es hier nicht. Das heißt, es gibt zwar Boxen, doch nicht für jede Box zwei Heckpoller. Man wirft also eine Leine über einen Poller, der für ein Stück Wasserfläche ohne Boot zu passen scheint und sucht dann nach einer Muringleine für die andere Bordseite. Hier hat leichtes Spiel, wer die schwimmende PET-Cola-Flasche als Schifffahrtszeichen deutet und einfach mal dran zieht. Ansonsten angelt man sich am Steg mit dem Bootshaken eine der vielen Muringleinen, die am Poller festgemacht sind, von denen die meisten aber kein verankertes Ende zu haben scheinen, aber die zuletzt herausgefischte hält dann eben doch.
Der Steg gehört irgendwie zu der Segelschule, die im Auftrag der Stadt Segelunterricht für die öffentlichen Schulen organisiert. Ein guter Ansatz für eine Stadt am Wasser, wie ich finde. So bekommen auch solche Schülerinnen und Schüler die Chance zu segeln, deren Eltern sich das entweder nicht leisten können oder einfach kein Interesse haben.
Die nächsten Tage herrscht Sintflut. Es regnet ohne Unterlass. 20 Stunden lang. Kein Segler geht raus. Alle hocken in ihren Booten und wettern den Regenmarathon ab. Ich vertreibe mir die Zeit mit etwas Arbeit am Computer. Tatsächlich habe ich noch einiges an Bürosachen zu erledigen, die Steuererklärung zum Beispiel. Statt dessen gebe ich einem kreativen Impuls nach und bastel ein Video über die charmante Insel im Strelasund.
SEGELEI: von Stralsund nach Hiddensee
Dieser Tag stand ganz im Zeichen des Bocks
Zunächst hatte ich Bock weiterzusegeln. Bevor ich die Leinen losgeworfen habe, musste ich allerdings erst einmal ein Rehböcklein aus der Leine an einem Jollenrumpf befreien, der an Land – was sonst: aufgebockt worden war. Alleine habe ich das nicht geschafft. Das arme Tier hatte sich mit seinen Hörnchen in der Leine regelrecht verknotet, war ängstlich und wurde wild, sobald ich ihm zu nahe kam; natürlich verstand es nicht, dass ich ihm helfen wollte. Mit einem zweiten Mann und einer Wolldecke hat es schließlich geklappt; wir haben das arme Tier von seiner Fessel befreit.
Nun aber auf nach Hiddensee! Eine super Segelei war das. Das Fahrwasser ist streckenweise eng und außerhalb flach. Dicke Fähren sausen hin und her zwischen Stralsund und Orten auf Rügen und Hiddensee. Denen will ich am liebsten nicht gerade dort begegnen, wo es eng und flach ist.
Selbstverständlich hatte ich keinen Bock, das Fahrwasser ausgerechnet an einer der engsten und flachsten Stellen zu verlassen und aufzulaufen. Habe ich dann aber doch gemacht.
Eine monströse Fähre kam mir entgegen. „Ach je“, dachte ich mir nach einem schnellen Blick auf die Seekarte, „da lasse ich lieber etwas mehr Platz und fahre hinter der grünen Tonne entlang, dort ist es doch tief genug.“
Was mir in diesem Moment noch nicht klar war, wurde es gleich im nächsten: Ich befand mich ausgerechnet an der Teufelstonne 15/K1 vor der Bessinischen Schaar und blieb knapp hinter eben dieser giftig grünen Tonne in einem Sandberg unter Wasser stecken.
Immerhin: Hier war ich vor der Fähre sicher. „Deren Käpt’n ist bestimmt nicht so doof und kommt zu mir rüber.“ Dafür trieb der Fährmann die Spannung auf ein Maximum. Ganz langsam kroch er mit seinem Riesenschiff heran. Vielleicht wollte er seinen Fahrgästen einen möglichst langen Ausblick auf meine Darbietung mit seiner ganz eigenen Interpretation bieten, etwa: „So sieht ein Freizeitkapitän aus, der zu blöd ist, die Seekarte zu lesen.“ Oder er wollte einfach nur vorsichtig sein und keine große Welle machen. Und ich? Ich setzte meine ganze Hoffnung auf ordentlich Schwell, um von diesem vermaledeiten Sandberg runter zu kommen.
Den Motor hatte ich schon gestartet und war in Lauerstellung. Sobald der Schwell der Fähre, ein bisschen kam schließlich doch, auf mich zu rollte, zog ich die Segel dicht, auf dass das Boot kräftig nach Steuerbord krängte, und schob den Gashebel weit nach vorne. Das half! Die Aliento kam frei, ein paar Meter und wir, mein Boot und ich, waren zurück im tiefen Fahrwasser. Nun war es nicht mehr weit bis zum Yachthafen Langeort. Segel runter, Boot zum anlegen in der Box klarmachen, einlaufen und festmachen. Zur Belohnung für das Abenteuer, das dem Ideal eines Drehbuchs entsprochen hat – dabei erlebt der Protagonist kurz vor Schluss die größte und gefährlichste Herausforderung und besteht diese – habe ich mir auf der gastronomischen Terrasse des Yachthafens Lange Ort eine Pizza und ein großes Bier verdient. Immerhin habe ich für die Gäste der Fähre eine ganz brauchbare Show geboten, oder?
Nach einem Spaziergang am Ostseestrand in der Abendsonne habe ich schließlich meinen letzten Bock, nein, nicht geschossen, sondern beobachtet und zwar auf dessen allabendlichem Rundgang. Das war der zweite Rehbock an diesem Tag. Er graste in aller Seelenruhe auf einer Weide, naschte bald auf einer Weide von einer großen Heuballenrolle und schupperte in einem Garten seine Hörnchen an einem zarten Bäumchen. Ab und zu sahen wir uns an, dieses Reh und ich, Aug in Aug sozusagen. Vielleicht hatte sich unter seinesgleichen schon herumgesprochen, dass ich erst vor wenigen Stunden einen seiner Artgenossen aus Fesseln und tierischer Not gerettet hatte. Jedenfalls verhielt sich das hübsche Tier ob meiner Gegenwart so gar nicht besorgt. So hat mir auch dieser Spaziergang Bock gemacht.




SCHIFFFAHRT
Hoch die Straße, die Segler kommen
Die Öffnung der Ziegelgrabenbrücke bei Stralsund ist für alle ein interessantes Spektakel. Oben stehen Fußgänger auf der Brücke und schauen nach unten zu den Booten, die auf dem Wasser wie Krokodile lauern und auf das grüne Signal hin losrasen, um so schnell wie möglich durch die Brücke zu kommen. Auch für die Skipper und ihre Crews ist so eine Durchfahrt immer wieder ein Erlebnis. Obwohl, wenn man das zu oft gemacht hat, wird es auf die Dauer vielleicht ein bisschen lästig. Mal sehen.