Ahoi! Die Ostsee ist längst nicht ausufernd erkundet. Es gibt noch vieles zu entdecken. Das trifft freilich auch auf solche Städte, Häfen und Marinen zu, die ich schon bei meinen ersten beiden Törns besucht habe. Das erlebe ich in diesem Sommer auf dem Stettiner Haff, Peenestrom, Greifswalder Bodden und auf der Ostsee.

BERLIN: Abfahrt nach Plan

Für diese Abfahrt ist wirklich alles gut vorbereitet: Der Mast gelegt, der Kühlschrank gefüllt, und einen Antennenstecker muss ich diesmal auch nicht im letzten Moment an die Spitze des Mastes crimpen. Nur die Crew fehlt. Alles läuft nach Plan! Und ich entsprechend durch den Grunewald zur S-Bahnstation, wo meine Mitseglerin gerade mit der S-Bahn eintrudelt. Es ist schon ein Erlebnis, so früh am Morgen durch den Wald zu spazieren. Noch schöner ist es, wieder am Steg anzukommen, den Motor zu starten, alle Leinen loszuwerfen und abzulegen. Wir fahren los.

Es ist das dritte Mal, dass wir die Fluss- und Kanalfahrt nach Stettin zu zweit erleben. Mit einer kleinen Innovation: Diesmal wollen wir keinen Boxenstopp in der Marina Havelbaude einlegen, sondern gleich am ersten Tag bis nach Marienwerder schippern. Deshalb der frühe Start in den Tag.

Der Motor tuckert gelassen seinen Rhythmus, wir kommen gut voran und sind vergnügt. In Spandau meistern wir die erste Schleuse. Mit den neuen Schleusenhaken ist das ein Kinderspiel. Geraume Zeit später öffnet sich, ohne lange zu zögern, die Lehnitzer Schleuse und hebt uns fast sechs Meter auf ein höheres Niveau. Weiter geht es mit Kurs auf Marienwerder. Wir schmieden einen Plan. Abendbrot im „Goldenen Anker“.

MARIENWERDER: Kein Schnitzel und eine letzte Bockwurst

Das Boot liegt gut vertäut am Steg. Von der Marina an der Havel-Oder-Wasserstraße spazieren wir etwa eine halbe Stunde durch ein bisschen Wald und ein ödes Kaff, dann stehen wir genau passend angehungert vor der Gastwirtschaft „Zum Goldenen Anker“. Leider wird nichts aus dem Schnitzel, auf das ich mich während der Bootsfahrt gefreut habe. Das Lokal hat dauerhaft geschlossen. Die Frau habe keinen Bock mehr gehabt, erzählt uns eine Nachbarin so in etwa, und dass der Schankwirt das alleine natürlich nicht schaffe. Na, da sieht man mal wieder, wie aufgeschmissen Männer sind, wenn sie die Hausarbeit selbst erledigen und dann auch noch nett zu Gästen sein sollen.

Was tun? Vielleicht gibt es am Marinabistro noch einen Happen. Diesmal haben wir Glück und ergattern die letzte Bockwurst und zwei Wiener Würstchen, die mutmaßlich schon seit Beginn der Zeit im Wasserbad warm gehalten werden. Dieses letzte Aufgebot hat uns zwar nicht glücklich gemacht, doch unsere Mägen haben es ihm auch nicht richtig übel genommen, und das ist doch auch schon etwas, für das man dankbar sein kann.

ODER-HAVEL-KANAL: Privilegien für Berufsschiffer mit Breitarschschiff

Am zweiten Tag nehmen wir in Niederfinow den Fahrstuhl für Schiffe. Gut eine Stunde müssen wir warten. Diese nutzt das extra breite Hotelschiff „Princess“, das wir erst gestern Abend in Eberswalde überholt hatten, wo der Kapitän seinen Gästen eine vermutlich nicht all zu romantische Nacht in einem lärmenden Industriehafen spendiert hat, schamlos aus, um nun wieder uns zu überholen. Der Kapitän spielt sein Privileg als Berufsschiffer aus und darf als erstes in das neue Schiffshebewerk einfahren. Langsam schiebt sich das breitarschige Schiff in das Fahrstuhlbecken. Viel Wasser dürfte jetzt nicht mehr in dieser Wanne sein. Immerhin, es reicht gerade noch, dass auch wir Sportschiffer mitdürfen. Es geht abwärts.

36 Meter weiter unten laufen wir wie am Schnürchen aus dem Schiffshebewerk aus in die schöne Wasserwelt vor dem Oderberger See. Es gibt nur einen Wermutstropfen: Das Hotelschiff aus Maasbracht durchwühlt vor uns die Wasserstraße. Obwohl wir gehörigen Abstand halten, spüren wir am Ruder die irren Wirbel, die das große Schiff hinter sich her schleppt. Außerdem zwingt uns das Hotelschiff zu einer geringeren Geschwindigkeit von nur vier Knoten statt der üblichen Reisegeschwindigkeit von fünf bis fünfeinhalb Knoten. Egal, hier ist die Landschaft auf jeden Fall wieder sehr viel schöner als bei Eberswalde. Selbstverständlich halten wir Ausschau nach den Shetlandponys, die kurz vor Oderberg direkt am Wasser wohnen und auf ihrem Landsitz auch in diesem Jahr gelassen grasen.

Schnur stracks steuern wir auf Hohensaaten zu. Unmittelbar vor dem Schleusenhafen hat das Hotelschiff fest gemacht und sammelt Passagiere ein. Der besondere Gag des Reiseangebots scheint darin zu bestehen, dass der Kapitän seine Reisegäste morgens samt Fahrrädern auf Land aussetzt, wo sie sich auf dem nächsten Streckenabschnitt selbst abstrampeln sollen. Derweil sich die radelnden Rentner auf dem Deich mit ihren roten Fahrrädern verausgaben, lungert die Schiffsmannschaft faul auf dem Sonnendeck herum und genießt die romantische Flussfahrt.

HOHENSAATEN-FRIEDRISCHTHALER-WASSERSTRAßE: Verhandeln mit dem Schleusenwärter

Wir überholen die „Princess“ also erneut in Hohensaaten, bekommen wieder Oberwasser. Das Leben ist ein ständiges Auf und Ab. Doch die aufkeimende Hoffnung stirbt in einem Telefonat mit dem Schleusenwärter. Er möchte unbedingt das Hotelschiff zusammen mit uns schleusen. Die Aussichten verdüstern sich. Das Hotelschiff soll also als erstes in die Schleuse einfahren dürfen. Dann wird es auch als erstes hinaus fahren und den Weg nach Norden verstopfen.

Die Hohensaaten-Friedrichsthaler-Wasserstraße windet sich romantisch durch die Landschaft. Durch Kurven driftet ein Fracht- oder Hotelschiff lediglich mit etwa drei Knoten. Für uns ist das zu wenig. Wir wollen fünf Knoten Fahrt machen. An ein Vorbeikommen ist in den Kurven jedoch nicht zu denken. Kaum begradigt sich der Flussverlauf, geben die großen Schlepper und Hotelschiffe Gas und schieben sich mit gut fünf Knoten durch die Landschaft. Also kommen wir auch auf den geraden Streckenabschnitten nicht gut vorbei. Kurzum: Es wird dauern, bis wir in Gartz ankommen werden.

Doch dann kommt wieder alles anders. Erneut haben wir Glück. Mittlerweile haben weitere Freizeitkapitäne an der Haltestelle für Sportboote angelegt. Mein erstes Telefonat mit dem Schleusenwärter ist nun schon eine dreiviertel Stunde her. Beides zusammen ergibt die Berechtigung für einen zweiten Anruf: Das Hotelschiff brauche offenbar doch länger, um alle Passagiere wieder einzufangen, flöte ich so harmlos wie möglich in die Schleusensprechanlage. Jedenfalls seien die prognostizierten zwanzig Minuten quasi schon vorbei und mittlerweile so viele Sportschiffer vor Ort, dass wir alleine schon eine tolle Füllung für die Schleuse abgeben würden, ob da nicht doch etwas zu machen sei? Der Schleusenwärter hält inne und verspricht eine erneute Rücksprache mit dem Kapitän der „Princess“. „Dat bringt nix. Die machen sowieso, was’se woll’n“, ruft die Frau des Skippers vom großen Motorboot herüber, das hinter uns festgemacht hat. „Vielleicht nicht, vielleicht doch, mal sehen“, sage ich zu meiner Crew, wir beide sind uns einig, dass wir uns unserer gute Laune nicht selbst kaputt machen wollen, indem wir uns über Dinge ärgern, die es nicht wert sind. Der Weg ist das Ziel. Selbst wenn man hinter einem trägen Lastkahn hinterher schleicht. Dann springt die Ampel auf grün, und es öffnen sich die Schleusentore für einen exklusiven Hub für die versammelte Sportschifffahrt. Beglückt dampfen wir mit gut fünf Knoten gen Gartz und genießen ganz ohne Strudelwasser die Fahrt durch die Landschaft. Kühe liegen träge auf Weiden. Drosselrohrsänger zirpen im Schilf. Über uns blauer Himmel und Bussarde im Segelflug.

GARTZ: Ein nettes Kaff mit Kai gibt (sich) auf

Gartz baut ab. Schon in den letzten Jahren war diese Marina in kommunaler Hand speziell. Der Hafenmeister, der dieses Amt für die Gemeinde nach eigenem Bekunden ehrenamtlich erfüllt, kommt erst Abends vorbei, nachdem er sein eigentliches Tagwerk als lokaler Recyclingunternehmer und Angeltouristenführer erledigt hat. Wann genau das ist, das weiß man nicht. Es nutzt auch wenig, ihn anzurufen. Wenn man ihn erreicht, dann erfährt man genau das: Er komme bestimmt, wisse jedoch noch nicht wann. Bis dahin bleibt die Tür zum einzigen Klo auf dem langen Kai versperrt.

Der Waschraum für Frauen ist schon seit Jahren eine Baustelle. An sich keine große Sache, aber für diese Gemeinde offensichtlich eine Herausforderung, die sich nicht bewältigen lässt. Dass man so keine Anziehungskraft aufbaut, versteht sich von selbst. In diesem Jahr nun ist auch der zur Uni-Sex-Toilette erklärte Waschraum für Männer geschlossen. „Vandalismus“, erklärt froh gelaunt ein Mann, der diesmal den Hafenmeister vertritt und ebenfalls wie das Original erst spät am Abend am kleinen Stegabschnitt mit zwei Hand voll Boxen mit Pollern auftaucht. Das ist schade. Keiner weiß, wann die Toilette repariert wird. Ob sie jemals repariert wird. Seit Herbst ist sie jetzt kaputt. Da hatte ich noch richtig Glück, als ich im Vorjahr schon Mitte August wieder auf dem Rückweg nach Berlin war und hier Station machte.

Nun stirbt Gartz auch für mich als Anlegestelle. Ich weiß von mehreren Bootseignern, die diesen Ort längst meiden und zwar genau aus dem Grund, weil der Zugang zu den Sanitäranlagen schon seit Jahren prekär war. Dass die Gemeinde Gartz die Reparatur nicht auf die Reihe bekommt, ist offenbar schon zur Lachnummer für die gesamte Region geworden. Selbst in Ueckermünde, wo ich ein paar Tage später Halt machen sollte, war die Toilette von Gartz ein beliebtes Thema unter dort ansässigen Bootseignern. Kurzum: Gartzer, macht endlich was aus Eurem schnuckeligen Kaff!

Eigentlich ist Gartz einen Zwischernstopp wert. Es gibt eine alte Stadtmauer, viele alte Häuser mit alten Ställen auf großen Grundstücken. Die monströse Kirche mitten im Dorf liegt am Rand eines tristen Dorfplatzes, auf dem sich nicht viel abspielt, zumindest nicht, wenn man den Platz als Tourist überquert. Das Highlight ist definitiv die lange Kaimauer mit einer Reihe alter, kleiner Steinhäuser. In einem betreibt eine sympathische Frau polnischer Herkunft ein Café, in dem sich radelnde und schippernde Touristen mit Kaffee und Eis verwöhnen. Das Café ist auch für viele Bewohner des Dorfes ein Treffpunkt geworden, für manch ein mittlerweile in die Jahre gekommenes Exemplar der einstigen Dorfjugend offenbar auch zu einem täglichen Programmpunkt. Jedenfalls hängen hier immer auch ein paar alte Männer herum, die sich jeden Tag etwas zu sagen haben, selbst wenn es das immer gleiche sein sollte, und für die der Spaziergang auf dem Kai entlang zum Café zur sozialen Routine geworden ist.

Auf dem Kai in Oderberg kann man herrlich Zeit verbummeln. Wenn Nebel im Frühsommer oder Herbst früh morgens über das Wasser wabert und die Landschaft verhüllt, wenn aus dem weiten Oderschilf, das im Wind leise raschelt, Kraniche und Wildgänse rufen und Frösche quaken und sich dann die orangerote Sonne langsam empor arbeitet und sich immer heller durch den milchigen Filter wühlt, dann vergeht die Zeit in einer wunderbaren Ruhe, die beglückt. Ein Balsam für die Seele. Allmählich erwacht die Welt. Und bald das Dorf. Jetzt blickt man über den Fluss in die Weite des Schilfs. Ab und zu tuckert ein Frachtschiff vorbei. Oder ein Sportboot. Träge liegen Fischerboote auf dem Wasser, meist mit ein oder zwei Anglern, die die Zeit still stehen lassen. Mit dem Fernglas lassen sich Gänse, Kraniche, Kormorane, Fischreiher, Möwen und Greifvögel beobachten. Einfach da sein und die Zeit genießen, die einen mal nicht antreibt, hetzt oder einem davon läuft. Es gibt ganz bestimmt schlechtere Arten, seine Zeit zu verschwenden.

Etwas mehr Infrastruktur für Durchreisende, ob sie nun über den Deich hierher radeln, mit ihren Booten den Fluss hoch- oder herunterfahren, als Wanderer zu Fuß daherkommen oder einfach nur ihre Landpartie im Auto für eine Pause unterbrechen wollen, könnte sich für das Dorf trotzdem lohnen. Wieso macht der Ort nichts aus sich?

Diesmal wird uns nicht einmal dieser beschauliche Nebel serviert. Der Himmel ist einfach nur grau, der frühe Morgen mit zartem Niesel garniert. Wir verzichten auf das Frühstück, werfen den Motor an und nehmen Fahrt auf nach Stettin. Die Stimmung wird besser. Leider bleiben uns in diesem Jahr auch die Seeadler vorenthalten, die wir in den letzten Jahren regelmäßig auf der letzten Etappe unserer Flussreise beobachten konnten.

STETTIN: Hundsfott gibt sich geschwächt

Nach vier Stunden Fahrt kommen wir beim Akademischen Yachtclub Stettin, kurz: JKAZS, so früh an wie noch nie. Mittags steht der Mast. Alles läuft glatt, ohne Stress. Am frühen Nachmittag gucken wir von der Terrasse der „Tawerna U Beatki“ auf den Hafen des Yachtclubs und auf Blaubeertörtchen vor uns auf dem Tisch. Verdient ist verdient.

Nur eines macht mir Sorgen: Das Hundsfott am Achterstag ist beschädigt. Das Teil heißt wirklich so. Im Grunde ist es ein Stahlseil mit einer Öse in der Mitte und zwei Terminals an den beiden Enden. Das Ganze sieht aus wie ein umgedrehtes „V“. Bei meinem Boot hält es das Achterstag und mit diesem zusammen den Mast hinten am Boot fest. Von diesem Drahtseil ist an der oberen Öse (quasi die Mitte des gesamten Drahtseils) eine Seele gebrochen. Die Gefahr, dass das Drahtseil aus einem Terminal rutscht, besteht also nicht. Dennoch möchte ich lieber mit einem Hundsfott segeln, das die volle Last aushält. Die Segelmacherin von Ast-Sails auf dem Gelände des JKAZS weiß Rat, greift nach ihrem Telefon und ruft einen Takelmacher weiter oben an der Westoder an und überzeugt ihn, uns zu helfen. Wir dürfen am nächsten Tag vorbeikommen. Die Aussichten haben sich schlagartig verbessert.

Unsere Mission ist ein Hundsfott: Wir stehen wieder früh auf und motoren die Westoder hoch bis zum Takelmacher (www.takielunek.pl). Eigentlich habe er ja keine Zeit, sagt er, er müsse heute noch das Schiff da drüben fertig machen, der Eigner komme. Trotzdem: Ich solle das Hundsfott abbauen und ihm bringen. Mit dem Großfall und einer weiteren Leine, die vom Masttop kommt und die ich bislang noch nie gebraucht habe, spanne ich den Mast nach hinten ab. Dann löse ich das Achterstag und baue das Hundsfott ab. An dem Kai, an dem wir festgemacht haben, steht ordentlich Schwell. Für diesen sorgen vor allem Motorboote, die hier wie besessen vorbei preschen. Der Takelmacher gibt sich ein bisschen wortkarg. Das Hundsfott habe ich ihm hingelegt und streune seitdem betont gelassen auf dem Gelände herum und gucke mir alles an, was dort herumsteht. Zum Beispiel Formen für Bauteile aus GFK, z.B. Deck mit Plicht. Diese werden weiter hinten in einer Halle zu neuen Booten und Katamaranen zusammengebaut. Das also ist eine Werft. Interessant! Doch besonders ins Auge fällt mir ein putziges Bötchen, das an Land aufgebockt herum steht. Schön ist es nicht, ganz fraglos nicht. Dafür aber originell. Und ganz bestimmt einmalig (siehe Foto). Nach gut einer Stunde habe ich ein neues Hundsfott für die Aliento.

Die Fahrt nach Norden geht weiter. Der Wind weht uns direkt auf die Nase. An Segeln ist so leider nicht zu denken. Wir fahren bis Stepnica unter Motor. Wie als Abschiedsgeschenk sehen wir jetzt gleich eine Schar Seeadler. Es dürften fast zehn dieser schönen Greifvögel sein, die wir sichten, kurz bevor die Ausfahrt aus dem Dammschen See in die Westoder mündet. Durch das Fernglas können wir sie so nah heranholen, dass wir ihren stolzen Blick deutlich erkennen.

STEPNICA: Beste Lage im Kanalhafen

In Stepnica gibt es zwei Häfen. Der kleine, na ja, sozusagen Stadthafen ist zentrumsnah. Etwas abgelegen, aber auch nicht wirklich weit, gibt es einen langen Kanal, der sich wie eine Sichel durch den Wald biegt. Bis zum Stadthafen sind es zehn Minuten zu Fuß.

Wir steuern letzteren an. Im Kanalhafen haben links und rechts Schiffe festgemacht. Wo kein rotes Schild hängt, kann man als Gastlieger fest machen. Am Ende des Kanals, der eine Sackgasse ist, steht das Gebäude dieser Marina. Es sieht ein bisschen aus wie die Brücke eines großen Schiffes. Oben über dem Wasser hat der „Bosman“ sein Büro, wie der Hafenmeister auf polnisch heißt. In Stepnica ist der Bosman eine Frau. Außerdem gibt es ein Bier, das so heißt, natürlich nicht nur in Stepnica, sondern in Polen allgemein. Am nächsten Tag wollen wir weiter. Das Ziel: Ueckermünde. Zwar ist Wind aus Nordwest angesagt. Doch furchtbar stark soll es nicht blasen. So Windstärke drei, maximal vier.

STETTINER HAFF / UECKERMÜNDE: Wilder Ritt ins Haff

Der Wind bläst uns wie erwartet auf die Nase. Allerdings mit bis zu fünf Windstärken. Wir steuern unter Motor aus dem Kanalhafen, über die Bucht von Stepnica in das Hauptfahrwasser der Westoder, an Ziegenort vorbei und weiter Richtung Haff, zu dem sich die Westoder wie ein Trichter immer weiter öffnet. In diesen wird nun der Wind aus Nord bis Nordwest gepresst. Außerdem ist das andere Ufer des Haffs weit entfernt. Von dort nimmt der Wind beherzt Anlauf und baut eine kurze, steile Welle auf, gegen die wir mit der Aliento nun ankämpfen. Gemütlich ist das nicht. Je weiter wir ins Haff vordringen, desto höher werden die kurzen Wellen. Nach einer Serie von kleineren Wellen kommen immer drei, vier höhere Wellen.

Die erste steile Welle nimmt die Aliento wie ein Delfin. Der Bug steigt in die Höhe, dann fällt das Boot in die nächste, die Gischt sprüht und weht über die Kajüte nach achtern zu uns, die wir in der Plicht hocken. Schon wird der Bug wieder nach oben gepresst. Das ist die zweite Welle. Das ähnelt schon eher dem Bockspringen oder so was. Die dritte Welle stoppt das Boot fast ganz auf. Dafür taucht der Bug noch tiefer in sie ein, die Gischt sprüht noch stärker und dann wird der Bug noch höher nach oben katapultiert.

Eigentlich könnte diese Action einen begeistern. Der skeptische Blick der Crew verrät mir, dass das Gegenteil der Fall ist. Die Stimmung sinkt mit jeder Serie hoher, steiler Wellen ab. Nach etwa einer Stunde haben wir den maximal möglichen Tiefpunkt erreicht. Dann wird es existenzialistisch. „Ich verstehe nur nicht, wieso man sich das antut?“, fragt die Crew.

Fraglos eine rein rhetorische Frage. Leider antworte ich trotzdem: „Da müssen wir jetzt durch. Mindestens so lange, bis wir nach Westen abfallen können. Dann wird es besser“, so oder so ähnlich locke ich. Dieses Argument wirkt allerdings alles andere als beruhigend: „Also wenn das jetzt endlos so weiter geht …“

Ehrlich gesagt, gefällt mir dieser robuste Ritt gerade auch nicht. Ich muss zugeben, dass das Boot in diesem Seegang schon mit einer solchen Wucht stampft, die den Wunsch nach Kursänderung beflügelt.

„Oder wir fahren zurück“, rufe ich. Aber dann müssen wir zurück bis nach Stettin, was irgendwie auch doof sei, weil es schließlich die Crew sei, die am nächsten Tag einen Hafen mit Gleisanschluss bis Berlin brauche. Außerdem höre die Welle dann auch nicht auf, behaupte ich, sie komme halt nur von achtern, was zwar etwas weniger schlimm sei, aber wirklich angenehm sei das eben auch nicht. Also: Umdrehen oder weiter fahren?

Schlecht wird der Crew putzigerweise nicht. Das sind doch eigentlich die Eigenschaften einer geborenen Seebärin, oder. Wieso findet sie nun an der Segelei weniger Gefallen als an Hafentagen? Auch ich habe so meine existenzialistischen Momente, in denen ich über grundsätzliches nachdenke.

Doch dafür ist jetzt wirklich nicht der richtige Augenblick. Ich muss aufs Vordeck. Dort haben sich die Wellen längst der Fock angenommen, die ich mit Zeisingen an den Seezaun gebunden habe, und sie aus ihren Halteseilen gerupft. Die Crew sitzt längst an der Pinne und steuert. Das soll ablenken. Immerhin fordert das Steuern die volle Konzentration.

Der Ritt auf dem Vordeck ist spektakulär. Bei der dritten steilen Welle der nächsten Monsterserie hebe ich regelrecht ab. Es folgt der schwerelose Flug im freien Fall dem Deck hinterher, das sich nach unten bewegt. „Gut, dass ich sitze“, denke ich mir. Stehend wäre ich jetzt vermutlich über Bord gegangen, was der Crew – trotz allem – bestimmt keine große Freude gemacht hätte und mir auch nicht. Irgendwie turne ich auch wieder zurück ins Cockpit.

Irgendwann ist der Teufelsritt geschafft. Wir drehen ab, nehmen Kurs nach Westen, setzen sogar die Genua und machen den Motor aus. Wie beruhigend das ist. Wie schön die Wellen unter dem Boot durchrauschen, die jetzt von Backbord kommen. Von nun an bessert sich die zuvor eingetrübte Laune mit jeder Seemeile. Das Stimmungsbarometer steigt bis Ueckermünde auf Normalzustand. Leider gibt es diesmal keine Robbe zur Belohnung. Fast genau vor einem Jahr haben wir nahe der Einfahrt in die Uecker eine Robbe gesichtet, die sich nur wenige Meter von unserem Boot entfernt im Wasser des Haffs aalte und uns – ganz so wie wir selbst – neugierig entgegen blickte.

STRALSUND: Sintflut abwettern auf Dänholm

Sonntag bin ich von Seedorf auf Rügen nach Dänholm im Strelasund gesegelt. Das Wetter war wunderbar. Die Sonne schien, dazu blies eine frische Brise aus Osten und schob die Aliento bei achterlichem Wind bis raumschots mit vier bis sechs Knoten durch das Wasser. Am Rauschen kann ich mich gar nicht satt hören.

Die kleine Insel Dänholm liegt genau zwischen Stralsund und Rügen. Wenn man wie ich vom Greifswalder Bodden kommt und den kleinen Hafen zwischen dem Großen und dem Kleinen Dänholm ansteuern möchte, biegt man vor der Ziegelgrabenbrücke quasi nach Steuerbord ab. So muss ich nicht erst darauf warten, dass die Ziegelgrabenbrücke geöffnet wird. Wer auf Dänholm allerdings zum Wassersportzentrum am nordwestlichen Zipfel der Insel möchte, der bleibt im Fahrwasser und wartet, bis sich die Ziehbrücke öffnet und Durchlass gewährt. Ein schönes Spektakel ist das allemal.

Ich entscheide mich für die erste Wahl, also das kleine Hafenbecken zwischen Großem und Kleinen Dänholm. Mir hat es besonders „Kalles“ Steg angetan. Dieser heißt freilich nicht offiziell so. Die Namensgebung ist vielmehr ein Insider zwischen mir und einem anderen Segler aus Berlin. Der inoffizielle Namensgeber Kalle lebt an dem Stegabschnitt auf seinem Segelschiff und weiß immer Bescheid, welcher Platz wie lange frei ist. Sein gutmütiger, brauner Hund hat vor allem eines im Sinn: gestreichelt werden.

Der Holzsteg ist originell. Richtige Boxen gibt es hier nicht. Das heißt, es gibt zwar Boxen, doch nicht für jede Box zwei Heckpoller. Man wirft also eine Leine über einen Poller, der für ein Stück Wasserfläche ohne Boot zu passen scheint und sucht dann nach einer Muringleine für die andere Bordseite. Hier hat leichtes Spiel, wer die schwimmende PET-Cola-Flasche als Schifffahrtszeichen deutet und einfach mal dran zieht. Ansonsten angelt man sich am Steg mit dem Bootshaken eine der vielen Muringleinen, die am Poller festgemacht sind, von denen die meisten aber kein verankertes Ende zu haben scheinen, aber die zuletzt herausgefischte hält dann eben doch.

Der Steg gehört irgendwie zu der Segelschule, die im Auftrag der Stadt Segelunterricht für die öffentlichen Schulen organisiert. Ein guter Ansatz für eine Stadt am Wasser, wie ich finde. So bekommen auch solche Schülerinnen und Schüler die Chance zu segeln, deren Eltern sich das entweder nicht leisten können oder einfach kein Interesse haben.

Die nächsten Tage herrscht Sintflut. Es regnet ohne Unterlass. 20 Stunden lang. Kein Segler geht raus. Alle hocken in ihren Booten und wettern den Regenmarathon ab. Ich vertreibe mir die Zeit mit etwas Arbeit am Computer. Tatsächlich habe ich noch einiges an Bürosachen zu erledigen, die Steuererklärung zum Beispiel. Statt dessen gebe ich einem kreativen Impuls nach und bastel ein Video über die charmante Insel im Strelasund.

RUNDBLICK DÄNHOLM: Inselhafen im Strelasund

STRELASUND / SCHAPPRODER und VITTER BODDEN / HIDDENSEE: Ein Tag im Zeichen des Bocks: Ein Tag im Zeichen des Bocks

Zunächst hatte ich Bock weiterzusegeln. Bevor ich die Leinen loswerfe, muss ich allerdings erst noch ein Rehböcklein aus der Leine befreien, die vom Rumpf einer Jolle herunterhängt, die an Land – was sonst: aufgebockt worden ist. Alleine schaffe ich das leider nicht. Das arme Tier hat sich mit seinen Hörnchen in der Leine regelrecht verknotet, ist ängstlich und wird wild, sobald ich ihm zu nahe komme. Natürlich versteht es nicht, dass ich ihm helfen möchte. Mit einem zweiten Mann und einer Wolldecke klappt es schließlich.

Kaum liegt die Decke über dem Tier, wird es ruhiger. Damit das so bleibt, streichle ich es unter der Decke und rede ihm mit extra tiefer Stimme Mut zu. Bei der ersten Berührung vibriert das Fell noch, dann spürt das gestresste Tier, dass hier keine Gefahr lauert, und hält seinen Kopf ab jetzt still. Das ist auch nötig. Denn der Rehbock hat offensichtlich noch nie etwas von Seemannsknoten gehört, die sich leicht wieder lösen lassen. Zwei beherzte Schnitte mit dem Seemannsdolch sind nötig, um die Leine aus dem Gehörn zu operieren. Wir nehmen dem Tier die Decke ab, es springt auf, macht ein, zwei, drei Sprünge, bleibt stehen, dreht sich zu uns um, blickt uns einen Moment lang an und spaziert ganz ohne Hetze, als wäre nie etwas Beunruhigendes passiert, von der Bildfläche.

Nun aber auf nach Hiddensee! Zuerst um den Dänholm herum und durch die Ziegelgrabenbrücke hindurch motort, die Genua ist schnell gehisst. Direkt vor Stralsund wirbelt der Wind noch etwas herum. Nach ein paar Schlägen auf der Kreuz wird der Wind stetiger, bläst nun mit gut drei Beaufort aus West und die Aliento rauscht mit etwa fünf Knoten Richtung Norden. Etwas später kommt das Groß raus. Nun machen wir am Wind gut sechs knoten Fahrt. Eine tolle Segelei ist das. Und spannend. Das Fahrwasser ist streckenweise eng und außerhalb ganz flach. Dicke Fähren sausen hin und her zwischen Stralsund und Orten auf Rügen und Hiddensee. Denen möchte ich am liebsten nicht gerade dort begegnen, wo es eng und flach ist. Selbstverständlich habe ich absolut keinen Bock, das Fahrwasser ausgerechnet an einer der engsten und flachsten Stellen zu verlassen und aufzulaufen. Versteht sich von selbst, oder? Habe ich dann aber doch gemacht. Dumme Idee.

Eine monströse Fähre kommt mir entgegen. „Ach je“, denke ich mir, werfe einen schnellen Blick auf die Seekarte und finde: „Mache ich der Fähre mal etwas Platz und fahre hinter der grünen Tonne entlang, ist ja tief genug hier.“

Was mir in diesem Moment noch nicht klar ist, wird es gleich im nächsten: Ich befinde mich ausgerechnet an der Teufelstonne 15/K1 vor der Bessinischen Schaar. Kaum verlasse ich das Fahrwasser, steuere die Aliento wie bei einer Regatta in einen engen Bogen um die giftig grüne Tonne, da bleibt mein Schiff auch schon in einem Sandberg unter Wasser stecken.

Immerhin: Hier bin ich vor der Fähre sicher. „Deren Käpt’n ist bestimmt nicht so doof und steuert zu mir rüber“, denke ich mir, starte den Motor, aber das Boot steckt fest. Nun treibt der Fährmann sein Spiel und die Spannung auf ein Maximum. In Zeitlupe kriecht er mit seinem Riesenschiff heran, möchte seinen Passagieren möglichst lange das Schauspiel gönnen: „Seht her, Ihr Landratten! So sieht ein Freizeitsegler aus, der keine Seekarte lesen kann.“ Na ja, vermutlich nimmt der Berufsschiffer einfach nur Rücksicht, will vorsichtig sein, keinen Schwell machen und so. Ganz anders sehe ich die Sache. Ich setze meine ganze Hoffnung spontan auf eine gehörige Portion Schwell, die mir hilft, von von diesem vermaledeiten Sandberg wieder herunter zu kommen.

Der Motor ist längst gestartet. Ich harre aus in Lauerstellung an der Pinne aus. Mein Blick ist fest auf Fähre gerichtet, die in Zeitlupe heranschleicht und schließlich eine erste Miniwelle an Schwell losschickt, die unmotiviert zart auf uns zu kullert. Gleich wie! Die Welle erreicht den Bug, ich ziehe die Segel dicht, der Wind ist mein bester Verbündeter, das Boot krängt mächtig nach Steuerbord. Im nächsten Moment schiebe ich den Gashebel nach vorne. Das Boot ruckelt. Eine zweite Welle Minischwell rollt heran. Das Boot ruckelt noch einmal, kommt frei, ein paar Meter noch und wir, meine schöne Aliento und ich, simd zurück im Fahrwasser. Das ist der Moment, in dem auf der Fähre die Häme in Anerkennung und Applaus umschlägt. Jubelnde Zurufe schallen zu mir herüber. Selbst der Kapitän kann sich ein wohlwollendes Nicken nicht verkneifen, was ich natürlich nicht mehr sehe. Ich konzentriere mich ganz darauf, dieses Fahrwasser nicht einen Zentimeter mehr zu verlassen.

Weit ist es nicht mehr bis zum Yachthafen Lange Ort. Segel runter, Boot zum Anlegen in der Box klarmachen, einlaufen, festmachen, geschafft. Zur Belohnung für diesen Schlag, dessen Verlauf dem dramaturgischen Ideal eines Drehbuchs entsprochen hat (demnach erlebt der Protagonist kurz vor Schluss die größte und gefährlichste Herausforderung und besteht diese) gönne ich mir auf der gastronomischen Terrasse des Yachthafens eine herzhaft duftende Pizza und ein großes Bier gegönnt.

Am Ostseestrand rauschen leichte Wellen auf den Strand. Bis nach Kloster ist es nicht weit. Auf dem Rückweg kann ich schließlich meinen letzten Bock des Tages, nein, nicht etwa schießen, sondern beobachten! Das ist der zweite Rehbock an diesem Tag. Dieses schöne Tier befindet sich gerade auf seinem abendlichem Rundgang. Es grast in aller Seelenruhe auf einer Weide, nascht bald von einer großen Heuballenrolle, später schuppert es seine Hörnchen in einem Garten an einem zarten Bäumchen. Ab und zu sehen wir uns an, dieses Rehböcklein und ich, Aug in Aug sozusagen. Vielleicht hat sich unter seinesgleichen schon herumgesprochen, dass ich erst wenige Stunden zuvor einen seiner Artgenossen aus Fesseln gerettet habe. Jedenfalls verhält sich das friedliche Tier ob meiner Gegenwart nicht sonderlich besorgt. So hat mir auch dieser Spaziergang, genau: viel Bock gemacht.

VON STRALSUND NACH HIDDENSEE: Rügen an Steuerbord
VON STRALSUND NACH HIDDENSEE: Rügen an Steuerbord
AUFGELAUFEN: Seekarte mit Erläuterungen zu meinem kleinen Abenteuer zu See
AUFGELAUFEN: Seekarte mit Erläuterungen zu meinem kleinen Abenteuer zu See
LANGE ORT: Yachthafen im Schilf auf Hiddensee
LANGE ORT: Yachthafen im Schilf auf Hiddensee
OSTSEE: Strand in Abendstimmung bei Lange Ort
OSTSEE: Strand in Abendstimmung bei Lange Ort
WILDBAHN: Rehbock bei Lange Ort auf Hiddensee

SCHIFFFAHRT: Hoch die Straße, die Segler kommen

Die Öffnung der Ziegelgrabenbrücke bei Stralsund ist für alle ein interessantes Spektakel. Oben stehen Fußgänger auf der Brücke und schauen nach unten zu den Booten, die auf dem Wasser wie Krokodile lauern und auf das grüne Signal hin losrasen, um so schnell wie möglich durch die Brücke zu kommen. Auch für die Skipper und ihre Crews ist so eine Durchfahrt immer wieder ein Erlebnis. Obwohl, wenn man das zu oft gemacht hat, wird es auf die Dauer vielleicht ein bisschen lästig. Mal sehen.

RUNDBLICK: Die Öffnung der Ziegelgrabenbrücke ist ein interessantes Spektakel
Von Seadlern, Quallen und anderen Meeresungeheuern